"КИРОВКА"

Die > 1ий ГОСУД ЧАС ЗАВОД, МОСКВА СССР <, > 1 ГЧЗ <, die 1. Staatliche Uhrenfabrik in Moskau, hat am 7. November 1930, dem Jahrestag der Oktober-Revolution, die ersten 50 Stück der > ТИП 1 < in einem silbernen Taschenuhr-Gehäuse mit einem verzierten Rand ausgeliefert. Bis zum Neubeginn der Uhrenproduktion nach dem "Großen Vaterländischen Krieg" hatte die TYP 1 eine Monopol-Stellung unter den Taschenuhren in der Sowjetunion. Und auch nach dem Krieg wurde sie nahezu unverändert bis in die 1980er Jahre gebaut.

Damit lebte die > 16 Size, Typ 5 < von Dueber-Hampden in Canton, Ohio, die 1912 auf den amerikanischen Markt kam, in ihrer einfachen Ausführung mit 7 und 15 Steinen in der Sowjetunion weiter.

Seit der 2. Hälfte der 1930er Jahre haben die Russen ihre > ТИП 1 < liebevoll > КИРОВКА < genannt.
Hintergrund dafür ist der Personenkult um Sergei Mironowitsch Kostrikow, genannt Kirow, der am 1. Dezember 1934 in Leningrad ermordet wurde.

Das Jahr 1935 wird in Firmenprospekten der 1. Staatlichen Uhrenfabrik als ein "Wendepunkt in der Geschichte der Fabrik" bezeichnet.
Neben technologischen Erneuerungen gab ein weiteres Ereignis, das die Fabrik 30 Jahre lang begleitete. Im Jahr 1935 fasste das Zentralexekutivkomitee der UdSSR folgenden Beschluss

"auf Ersuchen der Arbeiter und gesellschaftlichen Organisationen der ersten Moskauer Uhrenfabrik, dem genannten Werk den Namen des Genossen S.M. Kirow zu verleihen"

Dieses Dokument ist unterzeichnet mit:
Moskau, Kreml, 20. Dezember 1935
Vorsitzender des Zentralexekutivkomitees der UdSSR M. Kalinin

Kirowa
Dieser Beschluss ist in einem mehrsprachigen Katalog der 1. Moskauer Uhrenfabrik aus dem Jahr 1967 abgedruckt. Bemerkenswert ist der dort verwendete Name für die Fabrik, nämlich: "... erste Moskauer Uhrenfabrik ...".

Sergei Mironowitsch Kostrikow wurde am 27. März 1866 in Urschum, einer Stadt am Fluss Wjatka, 800 km östlich von Moskau, geboren. Die Wjatka fließt in die Kama und diese bei Tschistopol in die zum Kuibyschewer Stausee aufgestauten Wolga.

Die Kama hat in den 1950er Jahren einer Uhr aus der Uhrenfabrik Tschistopol ihren Namen gegeben und in Kuibyschew, dem späteren Samara, entstand Ende der 1930er Jahre die Uhrenfabrik ZIM. Urschum liegt im Gebiet Kirow, das Kostrikow in der Revolutionszeit seinen Decknamen gegeben hat.

S.M. Kirow war ein enger Weggefährte von Lenin und Stalin. Seine politischen Stationen waren: 1922 Mitglied im ZK der KPdSU, 1930 Mitglied im Politbüro, 1934 Sekretär des ZK. Kirow war Parteichef in Leningrad und – im Unterschied zu Stalin – bei der Bevölkerung beliebt. Er wurde am 1. Dezember 1934 in Leningrad ermordet. Die Vermutung, dass dieser Mord von Stalin und seinem Geheimdienst, dem NKWD, in Auftrag gegeben oder zumindest gebilligt wurde, ist nie nachgewiesen oder widerlegt worden.

1. NKWD Uhr Wdm 2. NKWD Uhr Z 3. NKWD Uhr W
Diese "Kirowka" der 2. Staatlichen Uhrenfabrik aus dem Jahr 1936 hat folgende Widmung auf dem Rückdeckel: "Dem Genossen Jukow E.L. für tschekistische Entschlossenheit bei der Liquidation einer banditischen Gruppevom NKWD"

Der Mord hatte zwei unmittelbare Konsequenzen:

  • die große Säuberungswelle" der Jahre 1935 bis 1938. Ihr vielen viele tausend Menschen zum Opfer – vom einfachen Bürger bis zu Führungsspitzen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Militär;
  • die Umbenennung vieler Städte, Straßen und Institutionen nach Kirow sowie die Verleihung des Beinamens "benannt nach S.M. Kirow".

Die kurze Fassung, wie sie beispielsweise auf der TYP 1 aus der 1. Staatlichen Uhrenfabrik in Moskau verwendet wurde, war "1 ГЧЗ им КИРОВА". Eine längere Fassung finden wir auf den Marine-Chronometern aus der 1. Moskauer Uhrenfabrik. Dort heißt es: "1 МЧЗ именм КИРОВА".

Als ich zu Beginn der 1990er Jahre die ersten russischen Taschenuhren ТИП 1 / КИРОВКА bekam, habe ich schon nach wenigen Stücken bemerkt, dass sie sie sich in Details unterscheiden und dadurch den fünf Fabriken, die sie hergestellt haben, und dem Zeitraum ihrer Produktion zuordnen lassen.

Es gab keinerlei Literatur zu diesem Uhren-Typ. Somit drängte es sich auf, durch "kucken und vergleichen" ein System für die Zuordnung des einzelnen Stückes zu entwickeln. Das habe ich getan und die ersten Ansätze dazu in der Serie: "Zeitgeschichte der russischen Uhren" in den Jahren 1998/99 im "Uhren-Magazin" veröffentlicht.

Seither habe ich meine Sammlung erweitert. Dabei kam es mir nicht darauf an, die schönsten Museums-Stücke zu erwerben, sondern ein Stück Zeitgeschichte einzufangen. Ob eine Uhr "sammlungs-würdig" ist oder nicht, hängt davon ab, was man mit der Sammlung bezweckt. Ich wollte die Grundlagen für eine verfeinerte Systematik erweitern. Deswegen brauchte ich möglichst viele Uhren und Uhrenteile mit unterschiedlichen aber auch mit gleichen Signaturen und Kennungen. Das Aussehen war dabei von untergeordneter Bedeutung, denn mir kam es darauf an, das System zu erkennen und Zufälle aufgrund eines Einzelstückes möglichst auszuschließen.

Dabei halfen mir drei besondere Umstände:

  • Die politische Wende zu Beginn der 1990er Jahre und der damit verbundene Abzug der russischen Soldaten aus der DDR bzw. den östlichen Bundesländern und auch aus den osteuropäischen Ländern. Auf den einschlägigen Märkten u.a. in Berlin und Hamburg wurden hunderte ТИП 1 angeboten.
  • Der zweite besondere Umstand ist die Tatsache, dass so viele ТИП 1 noch im Besitz der russischen Soldaten und ihrer Familien waren – teilweise zwei Menschen-Generationen nach ihrer Herstellung – und nun auf den Märkten angeboten wurden.
  • Der dritte glückliche Umstand sind meine Freunde in Moskau – insbesondere Sjewa, den ich über Alexander kennengelernt habe. Sjewa hat mit hunderten von Uhrwerken und Baugruppen der ТИП 1 mein Wissen über diesen Uhren-Typ ergänzt.

Auf viele Fragen habe ich keine Antwort. Dazu gehört u.a. die Nummerierung der einzelnen Bauteile:
Die Federhaus-Brücke, die Grundplatte, der Unruh-Kloben und der Doppel-Kloben für Anker- und Sekunden-Rad tragen eine Serien-Nummer mit – je nach Fabrik – vier, fünf oder sechs Ziffern.
Zur Systematik dieser Serien-Nummern ist noch viel Forschungsarbeit zu leisten.

Wieviel Werke der ТИП 1 insgesamt in der Sowjetunion hergestellt wurden, ist mir nicht bekannt. In der 1. Staatlichen Uhrenfabrik, 1 ГЧЗ, waren es nach einem Poljot-Manuskript von 1967 für die Jahre:

5MioTyp1

In der Summe sind das: 2.695.091 Stück.

In Tschistopol, wo die Werke durchgehend nummeriert wurden, ist das Werk mit der Nummer 133.947 aus dem dritten Quartal 1946 (3-46) das erste aus meiner Sammlung, das zeitlich einwandfrei zuzuordnen ist. Die höchste mir vorliegende Nummer ist die 649.077 aus 2-49.

In der 2. Staatlichen Uhrenfabrik, 2 ГЧЗ, ist die ТИП 1 von 1935 bis in den Spätherbst 1941 gebaut worden. Stückzahlen liegen mir nicht vor.

In Slatoust ist die ТИП 1 mit den Produktionseinrichtungen der 2 ГЧЗ in der Zeit von 1942 bis in die 1960er Jahre gebaut worden. Auch hier liegen mir keine Stückzahlen vor.

In der "53er" sind nur während des Krieges ТИП 1-Werke gebaut worden. Auch hier liegen mir keine Stückzahlen vor.

Bei einer vorsichtigen Schätzung gehe ich von ca. fünf Millionen ТИП 1 aus, die insgesamt in der UdSSR gebaut wurden.

Neben dem Basiskaliber mit seinen Unterschieden im Detail sind mir sieben Modifikationen der КИРОВКА bekannt:

  • ohne Sekundenzeigen
  • mit indirekter Zentralsekunde
  • als Stoppuhr
  • als Chronograph mit Kronendrücker
  • als Chronograph mit Drücker bei "11"
  • mit einem externen Federhaus für einen 8-Tage-Betrieb
  • als "Taktstock" für Großuhren

Die Unterschiede im Detail der КИРОВКА beschreibe ich im Unterkapitel "TYP 1 Passport". Ihre Modifikationen zeige ich in dem Unterkapitel "Meine TYP 1 – Sammlung"