Jonathan Betts: „Harrison“ - Eine Uhr zur Bestimmung des Längengrads.

112 Seiten, 24 Farbfotos, 2 S/W-Fotos, 42 Abbildungen, Format 19 x 20,5 cm, gebunden mit Schutzumschlag. Euro (D) 18,00 / Euro (A) 18,50 / sFr 31,90 (ISBN 978-3-7688-2617-4). Delius Klasing Verlag, Bielefeld.

Zunächst einmal mag es den Uhrenfreund verwundern, dass dieses Buch in einem Verlag erscheint, der sich der Seefahrt verschrieben hat. Wenn man es liest wird dies jedoch sofort verständlich, denn der Autor beschreibt nicht in erster Linie die von Harrison gebauten Uhren aus technischer Sicht sondern umfassend das Problem der Standortbestimmung auf hoher See.

Und damit ein bedeutendes wie brillantes Stück der Geschichte der Uhren und der Seefahrt. Bis in das 18. Jahrhundert hinein hatten die Seefahrer ein lebensbedrohliches Problem: Sie konnten auf offenem Meer zwar ohne weiteres aufgrund des Sternenstands den Breitengrad bestimmen, nicht jedoch den Längengrad.

John Harrison, eine der faszinierendsten Persönlichkeiten in der Geschichte des Uhrenbaus, war davon getrieben, das größte praktische Problem der Schifffahrt seiner Zeit zu lösen und entwickelte die ersten genau gehenden Uhren die die exakte Bestimmung der geografischen Länge ermöglichten.

Der Autor, Jonathan Betts, ist ein führender Spezialist für das Uhrenwesen an der Königlichen Sternwarte in Greenwich. Er stammt aus einer Familie von Juwelieren und Uhrmachern und hat sich seit seiner Kindheit mit der Horologie, der Wissenschaft des Uhrenbaus, beschäftigt. Seit 1980 arbeitet Betts in Greenwich, und 2002 erhielt er als Erster die Harrison-Goldmedaille der Worshipful Company of Clockmakers. Wer aus dieser Biografie schließt, dass Betts sich nur auf die technischen Aspekte der Uhren Harrisons beschränkt, liegt glücklicherweise falsch.

Das Buch beginnt mit einer kurzen Einführung in die Technik des Uhrenbaus und dessen Errungenschaften im sogenannten „goldenen Zeitalters der Wissenschaft“, der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und dem 18. Jahrhunderts, vor allem bestimmt für die „uhrentechnischen“ Laien. Danach folgt eine Einführung in die Problematik der Positionsbestimmung auf hoher See und die Folgen einer falschen Ortsbestimmung, die zahlreiche Schiffe und Menschenleben kostete. So erlitten 1707 vor den Scilly-Inseln vier Kriegsschiffe der Royal Navy Schiffbruch und gingen mit Maus und Mann unter, weil die Navigatoren die Schiffe viel weiter nördlich wähnten.

Betts beschreibt sehr anschaulich auch die anderen Methoden die zur Längengradbestimmung herangezogen wurden, wie z.B. die Mond-Distanz- und die Kompass-Fehlweisungs-Methode. Man wusste damals sehr wohl, dass die Längengradbestimmung mit Hilfe einer Referenzzeit möglich ist, nur die Uhren waren nicht geeignet diese Referenzzeit an Bord eines Schiffes mit genügend großer Genauigkeit „mitzunehmen“. Betts zeigt dies beispielhaft an Uhren von Sully. Diese gingen an Land wohl schon sehr präzise, aber auf einem schwankenden Schiff versagten sie.

Harrison schuf mit seiner H1 die erste brauchbare Schiffsuhr überhaupt. Ein Tüftlerleben, diplomatischen Verwicklungen inklusive, sollten vergehen bis zur perfektionierten H5. Betts beschreibt das Leben Harrisons und diese diplomatische Verwicklungen sehr detailliert, anschaulich und neutral. So bringt er dem Leser auch die Schwierigkeiten des „Board of Longitude“ nahe, das über die Vergabe des Längengradpreises zu entscheiden hatte. Immerhin war eine der Bedingungen die wirtschaftliche Kopierbarkeit der eingereichten Uhren um dann möglichst viele Schiffe mit diesen ausstatten zu können – und das war bei Harrisons Uhren in diesem Sinne wirklich nicht gegeben. So war es kein Wunder, dass die Suche nach einer für die Navigation geeigneten Uhr auch nach der Vergabe des Längengradpreises intensiv weiterging. Hier zeichneten sich – natürlich – vor allem englische Uhrmacher aus. Aber auch in Frankreich wurde intensiv geforscht. Und zwei Seiten sind dem deutschen Uhrmacher Johann Georg Thiele gewidmet, der ebenfalls mit einer Taschenuhr am Wettbewerb teilnahm.

Nicht nur inhaltlich ist das Buch ansprechend, auch das Layout ist gelungen. Die Textpassagen sind immer wieder durch Abbildungen alter Karten, Stiche und Gemälden aufgelockert. Natürlich gibt es auch Abbildungen der berühmten H1 – H5 und dazu Zeichnungen die die Besonderheiten dieser Uhren anschaulich erklären.

Es hat dem Rezensenten Freude bereitet dieses Buch zu lesen und zu besprechen. Seine Anschaffung wird vorbehaltlos empfohlen.

Klaus Schlaefer