Editorial

Johannes Altmeppen

Die einzelne Uhr ist ein unpolitisches kleines Wunderwerk. Eine Uhren-Industrie kann hingegen ist in hohem Maße politisch bedingt sein und genutzt werden - insbesondere in totalitären Systemen. Die russische Uhrenindustrie, und das gilt nicht nur für die Aufbauphase, ist ohne die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge in der Sowjetunion und den westlichen Industriestaaten nicht zu verstehen. Darum gehe ich auch auf die Geschichte und auf Geschichten ein.

Die Faszination von Uhren mit sowjetischen Herstellersignaturen hat viele Gründe. Sie liegen im Design von Zifferblatt und Gehäuse, in den frühen Uhrwerken mit einer „Elternschaft“ in den USA, der Schweiz, Großbritannien, Frankreich und Deutschland und in der Eigenständigkeit Russischer Uhrmacher-Kunst.

Mich verbindet mit meiner Sammel-Leidenschaft für Russische Uhren auch eine enge persönliche Beziehung zu den Menschen in Russland, die ich seit 1991 bei meinen vielen Besuchen dort kennen gelernt habe. Ich durfte Gast sein bei ihnen zuhause, mit ihnen und ihren Familien leben. Ich durfte hautnah erleben, wie sie denken und fühlen.

Nach der politischen Wende war es vor allem der Zeitgeist: Glasnost und Perestroika waren keine Visionen mehr sondern politische Realität. Es gab keinen „Eisernen Vorhang“ mehr. Die Grenzen waren durchlässig.
In dieser Zeit gehörte es in Deutschland fast schon zum guten Ton, eine russische Uhr am Handgelenk zu tragen.
Heute ist es ein Stück Nostalgie. Morgen wird es Zeitgeschichte sein.

Ich habe mich davon anstecken lassen und viel zu spät gemerkt, dass diese Ansteckung auf einen Virus zurückgeht, gegen den es keine Impfung gibt. Und meine Familie hat mich dankenswerter Weise mit diesem Virus ertragen.

Die ersten Stücke meiner Sammlung habe ich im Sommer 1992 von einem russischen Kriegsveteranen gekauft. Ich war mit meinem Sohn zu den „Weißen Nächten“ in die Stadt gefahren, die damals noch Leningrad hieß. Auf einem Hinterhof hat der Veteran mir seine „Komandirski“ mit der Zifferblattaufschrift „ЗАКАЗ МО СССР“ / „Hergestellt im Auftrag des Verteidigungsministeriums der UdSSR“ sowie ein paar Taschenuhren mit schwarzem Zifferblatt, Leucht-Zeigern und -Zahlen angeboten.
Dass dies der Beginn einer Leidenschaft werden sollte, habe ich damals noch nicht gewusst. Genauso wenig konnte ich zu der Zeit etwas mit „Poljot“, „Slava“, „Raketa“ und „Wostok“ anfangen, noch kannte ich deren Historie. Das änderte sich nach vielen Besuchen auf Flohmärkten in Hamburg und Berlin und durch Besuche bei meinen Freunden in Moskau und St. Petersburg.

Ich wollte einen Katalog aller russischen Uhren aus der Zeit der Sowjetunion aufstellen. Der Ansatz dazu war meine Serie: „Zeitgeschichte der Russischen Uhren“ im „Uhren-Magazin“ 1998/99. Ich hatte mit dem Chefredakteur per Handschlag, wie es hanseatische Tradition ist, verabredet, aus dieser Serie mit 15 Folgen, mehr als 150 Seiten und 413 Bildern, ein Buch zu machen. Im Sommer 1999 wurde das „Uhren-Magazin“ jedoch von einem anderen Verlag aufgekauft. Der war der Ansicht: Ein Buch über russische Uhren rechnet sich nicht.

Ich habe mich mit dem Thema weiter befasst und meine Sammlung an Uhren und Literatur weiter ausgebaut. Mit jeder besonderen Uhr tauchten neue Fragen auf und in jeder Quelle, die ich gelesen habe, fand ich Hinweise auf neues Quellenmaterial, das ich hätte lesen müssen, aber ...

Ich musste lernen, dass es nicht möglich ist, einen Katalog aller russischen Uhren aus der Zeit der Sowjetunion aufzustellen. Die Vielfalt an Spezial-Uhren und an Variationen ist zu groß. Und über viele Uhren für Wissenschaft und Militär gibt es weder Unterlagen noch Exponate.

Im Jahr 2007 habe ich dann mit meinem väterlichen Freund, Prof. Dr. Herbert Dittrich, angefangen, über das „Deutsche Einheits-Chronometer“ zu forschen. Unser Buch ist im Frühjahr 2011 im Heel-Verlag erschienen. 43 der insgesamt 208 Seiten des Buches behandeln die russischen Chronometer für Marine „(6МХ) und Luftwaffe (13 ЧП / 20 ЧП) , die die „1. Moskauer Uhrenfabrik“ und „Poljot“ auf der Grundlage der deutschen Pläne zum Einheits-Chronometer nachgebaut haben.

Der Heel-Verlag hat mir den gleichen Umfang und die gleiche Qualität auch für mein „Russen-Uhren-Buch“ angeboten. Dafür danke ich dem Verlag. Aber aus zwei Gründen konnte ich mich nicht dazu entschließen:
Das Buch wäre – trotz des großzügig bemessenen Umfangs – einer Amputation dessen, was ich allen Interessierten zur Verfügung stellen möchte, gleichgekommen.
Der zweite Grund ist unsere internationale Gemeinschaft der Freunde Russischer Uhren. Die hätte ich mit einem deutschen Buch nicht erreichen können. Mit einem guten Übersetzungsprogramm können sie im Internet aber lesen, was ich in meiner Muttersprache geschrieben habe.

Deswegen habe ich mich entschlossen, eine eigene Homepage zu machen. Ich werde die Ergebnisse meiner Sammelleidenschaft und meiner Recherchen nach-und-nach einstellen.
Ich verstehe diese Seiten als eine Ergänzung zu den vielen anderen Quellen und Veröffentlichungen über Russische Zeitgeschichte und Russische Uhren.

Ich will neugierig (gierig nach Neuem) machen und Sammler sowie Liebhaber russischer Uhren animieren, den Rückdeckel seiner Uhr zu öffnen, um das Zusammenspiel der einzelnen Teile im wahrsten Sinne des Wortes unter die Lupe zu nehmen. Denn nur wer stolz ist auf die Stücke, die er hat, und wer neugierig ist, der verspürt auch den Drang, mehr über sein Hobby zu erfahren.

Ich weiß, dass es viele gibt, die von meinem Hobby weniger wissen und weniger verstehen als ich. Für Sie möchte ich Anregungen geben.
Ich weiß aber auch, dass es viele gibt, die von den einzelnen Aspekten, die ich beschrieben habe, mehr wissen und verstehen als ich. Sie bitte ich darum, mich kritisch zu begleiten und mir Anregungen zu geben. Schreiben Sie mir unter: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! und schicken Sie mir Bilder. Mit Ihrer Erlaubnis und mit Ihrem Namen als Quellenangabe werde ich Ihre Anregungen dann in einer Rubrik „Forum“ veröffentlichen.

Ohne die Anregungen und Hilfe anderer ist es als Deutscher nicht möglich, in die Geschichte der Russischen Uhren-Industrie einzusteigen.

Deswegen gilt mein besonderer Dank Klaus Seide. Er hat, noch zu Zeiten der Sowjetunion, im Eigenverlag die erste umfassende Dokumentation Russischer Uhren-Geschichte und -Technik veröffentlicht. Ich verdanke ihm, der viel zu früh verstorben ist, meinen Einstieg in eine analytisch präzise Aufarbeitung der Russischen Uhren-Geschichte.

In Moskau betreuen Alexander Karasyuk und seine Frau Vera mich seit 20 Jahren bei meinen Besuchen in der Russischen Hauptstadt, wo mein Bett in ihrem Wohnzimmer steht. Er begleitet mich in die Moskauer Museen und zu den verschiedenen Antik- und Flohmärkten Moskaus und er hat die Kontakte zu den Fabriken von „Poljot“ und „Slava“ hergestellt, als es diese noch gab, und auch zu dem, was heute noch davon übrig ist. Danke Euch, Alexander und Vera.

Durch Alexander habe ich Sjewa und Dima kennen gelernt, denen ich Dank schulde.

Sjewa, „ВСЕВОЛОД ТКАЧ – ТКАЧЕВ“, ein Name, den kein Deutscher richtig aussprechen kann, hat auf seiner Visitenkarte die Anschrift: „РОССИЯ, МОКВА, ВЕРНИСАЖ“ - „Russland, Moskau, Vernisage“. Mehr braucht er nicht. Er ist „Der Experte“ schlechthin für Russische Uhren auf dem Antik-Markt „Vernisage“ im ehemaligen Olympischen Dorf Ismailowa in Moskau und jeder kennt ihn dort. Bei meinen Besuchen hatte Sjewa immer ein paar Stücke, die er nicht an Japaner oder Amerikaner verkauft sondern für mich zurückgelegt hat. Und bei ihm zuhause hat er mir gezeigt, was er nicht mitgenommen hat auf den Markt.

Dimitry Troshin war der „Deputy Chief Curator“ und Leiter der Uhrenabteilung im Polytechnischen Museum in Moskau und Mit-Begründer des „Russian Club of Watch & Clock Collectors“ in Moskau. Er hat mir viele Anregungen für meine Forschungsarbeiten gegeben.

Einen ganz besonderen Dank schulde ich vier Damen:
Tamara und Olga in Moskau, Galina in Piter und Lis:

Tamara Michailowna Lepeshkina hat mir als Leiterin des Uhrenmuseums von „Slava“ schon vor mehr als 20 Jahren das erste Mal Einblick in Dokumente und Uhren ihrer Firmengeschichte, die auf die 1920er Jahre zurückgeht, gegeben. Danke Tamara.

Olga Kusnetzowa hatte Anfang der 1990er Jahren die Aufgabe, ein Archiv und ein Museum für „Poljot“ aufzubauen. Seither kenne ich sie und jedes Mal, wenn ich in Moskau bin, treffe ich sie wieder. Ich verdanke Olga einen tiefen Einblick in die Produktionsweise ihrer Fabrik von den Anfängen im Jahr 1930 an. Danke Olga.

In St. Petersburg - oder wie dort die alten Damen ihre Zaren-Stadt nennen: in Piter - bin ich Gast von Galina Shevchenko und ihrer Familie. Galina ist Deutsch Lehrerin und kennt jedes Museum und alle kulturellen Einrichtungen in Piter und der weiteren Umgebung. Mit ihrer tatkräftigen und geduldigen Unterstützung habe ich in einigen Museen und der National-Bibliothek zu speziellen Fragen der Russischen Zeitgeschichte recherchieren dürfen - so beispielsweise über den Revolutions-Kalender von Stalin. Und auf verschiedenen Märkten haben wir Russische Uhren gekauft - und Tassen von Lomonossow, aus denen wir bei ihr zuhause Tee getrunken haben.
Danke Galina.

Und schließlich mein Dank an Lis, meine kleine Schwester. Sie hat mir Mitte der 1990er Jahre, in einer beruflich sehr schwierigen Zeit, einen guten und hilfreichen Rat gegeben. Sie sagte zu mir:
Bruder, suche dir ein Hobby, das Deinen Verstand fordert und begeistert. Nimm deine russischen Uhren und versuche ihre Geschichte mit wissenschaftlicher Genauigkeit aufzuarbeiten. Und wenn du nach Hause kommst, fängst du sofort an, an deinem Hobby zu arbeiten. Dann vergisst du den Ärger des Tages, träumst in der Nacht von den Uhren und startest am nächsten Morgen mit neuer Kraft in den Tag.