2. Der „Null-Punkt“ der Zeitrechnung

Der Gregorianische Kalender ist heute das allgemein anerkannte kalendarische Zeitmaß. Das war nicht immer so. In früheren Zeiten, bis in das 20ste Jahrhundert hinein, haben eine Vielzahl regional unterschiedlicher Kalendarien nebeneinander Bestand gehabt

In der Frühzeit der Römischen Republik wurden die Jahre nicht gezählt, sondern nach den regierenden Konsuln benannt. Seit dem 4. vorchristlichen Jahrhundert war eine Zählung ab der Einweihung des Jupiter-Tempels im Jahre 507 v. Chr. üblich. Der Julianische Kalender wurde am 1. Januar 45 v. Chr. von Julius Caesar auf Anraten des alexandrinischen Astronomen Sosigenes eingeführt. Der „Null-Punkt“ für diesen Kalender war die Gründung Roms im Jahre 753 vor unserer heutigen Zeitrechnung (ab urbe condita).

In den ersten dreihundert Jahren der christlichen Welt hatte dieser „Null-Punkt“ Bestand. Dann begann man, die Jahre des Julianischen Kalenders nach der sogenannten „Märtyrer-Ära“ zu berechnen. Der „Null-Punkt“ wurde auf den Amtsantritt des römischen Kaisers Diokletian, 284 n. Chr., gelegt.

Der Skythische Mönch Dionysius Exiguus (etwa 470 bis 545 n. Chr.) hielt es für würdiger, den Verlauf der Jahre in eine Zeit vor Christi Geburt und nach Christi Geburt zu zählen. Das Jahr „Null“ gibt es bei Dionysius nicht. Auf das Jahr 1 v. Chr. folgt das Jahr 1 n. Chr. Die Menschwerdung Christi legte er auf das Jahr 754 „ ab urbe condita“, seit Gründung Roms. Dieser neue Beginn der Zeitrechnung setzte sich in der christlichen Welt allgemein durch. Zu Zeiten Karls des Großen (768 bis 814 n. Chr.) galt die „dionysische Berechnung“ in der ganzen Kirche.
Dionysius hat mit seiner Reform keine Antwort gegeben auf die Frage des absoluten „Null-Punktes“ für die Zeitzählung. Der wurde aus der Bibel abgeleitet.

Schon im frühen Christentum haben Wissenschaftler versucht, anhand der Bibel und anderer religiöser sowie weltlicher Quellen das Datum festzulegen, an dem Gott die Welt erschaffen hat, und damit den absoluten „Null-Punkt“ für die Zeitzählung.

Für die Byzantinische Welt - zu der auch Russland gehörte - war das um 630 geschriebene „Chronicon Paschale“ die maßgebliche Berechnung. Die Jahre wurden gezählt seit Anbeginn der Welt, mit dem ersten Tag der biblischen Schöpfungsgeschichte – dem 21. März 5509 vor der Dionysischen Zeitenwende.

Auch in der westlichen Welt waren theologische Debatten bezüglich des Alters der Erde über Jahrhunderte ein Hauptanliegen vieler Christlicher Gelehrter. Es war bis in das 19. Jahrhundert weit verbreitete Annahme, dass Gott sie etwa 4000 bis 6000 Jahre vor Christi Geburt geschaffen habe.

So hat Luther in seiner Bibel aus dem Anfang des 16ten Jahrhunderts eine
"Chronologia oder Zeit-Register der fürnehmsten und denckwürdigsten Historien, so im Alten und Neuen Testament beschrieben werden" vorangestellt.

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Er beginnt mit dem
„Jahr der Welt 1.
Hat GOTT Himmel und Erde, und zuletzt den Menschen zu seinem Ebenbilde erschaffen.“

Fünf Seiten später heißt es dann zum Jahr:
„3970
Christus unser Heiland empfangen.
Johannes der Täufer geboren, sechs Monat vor unserm Herrn Christo, Luc. 1, 57.
Jahr von Christi Geburt
Christus Jesus Gottes Sohn, wird ein wahrer Mensch geboren, zu Bethlehem im Stall, Luc. 2, 6.“

Dann beginnt die neue Zeitrechnung mit dem Jahr:
„1
Christus unser Heyland wird beschnitten am achten Tage nach seiner Geburt, am 1 Januarii, und Jesus genannt, Luc. 2, 21.“

Aus der Berechnung Luthers ergibt sich also das Jahr 3970 v.Chr. als der „Null-Punkt“ der Zeitrechnung.

Luther hatte also zwei „Null-Punkte“ für seine jeweils mit der Jahreszahl „1“ beginnenden Zählung:

  • den absoluten Null-Punkt mit Beginn der Schöpfung und
  • den Null-Punkt der Zeit nach Christi Geburt.

Die Methode der Berechnung anhand der Bibel war unbestritten. Im Detail unterscheiden sich die Berechnungen jedoch um einige Jahre. So kommt Calvin zu dem Ergebnis, dass der "Null-Punkt“ im Jahr 3947 v.Chr. liegt.

Im Jahre 1642 hatte John Lightfoot errechnet, dass der erste Schöpfungstag Sonntag, 12. September 3928 v. Chr., sei und Adam am Freitag, 17. September 3928, um neun Uhr morgens geschaffen worden sei.

James Ussher, Anglikanischer Erzbischof von Armagh und Primas von Irland, setzte im Jahre 1650 mit seinem Werk: „Annales veteris testamenti, a prima mundi origine deducti“ Maßstäbe, die für einige Glaubensgemeinschaften bis heute gelten. Er ermittelte den Sonntag, 23. Oktober 4004 v.Chr., als den ersten Tag der Schöpfung. Der Kalender nach Ussher wurde in vielen englischen Bibelausgaben abgedruckt und erlangte dadurch weit verbreitete Bedeutung.

Sir Isaac Newton veröffentlichte 1728 seine eigenen Berechnungen: „The Chronology of Ancient Kingdoms Amendment“ - unter Hinzuziehung aller ihm zur Verfügung stehenden antiken Quellen.

In seinem ersten Kapitel: „A Short Chronicle from the First Memory of things in Europe to the Conquest of Persia by Alexander the great“ stellt Newton eine Zeittafel auf, bei der er vom Beginn unserer heutigen Zeitrechnung rückwärts zählt: „ In the year bevor Christ …“

Zwei Beispiele zeigen, dass er mit vergleichbarer Methode zu vergleichbaren Ergebnissen kommt:
Newton datiert die Krönung von David zum König auf das Jahr 1059 v. Chr. Nach der Zählweise von Luther ist David im Jahr 2893 nach Schaffung der Welt gekrönt worden – das entspricht dem Jahr 1077 v. Chr.
Und auch bei der Eroberung Jerusalems durch die Philister trennen beide nur 20 Jahre:
Newton: im Jahr 1100 v. Chr.,
Luther: im Jahr 2850 von Anbeginn der Welt

Geologen des 19. Jahrhunderts und vor allem Charles Darwin haben den Glauben an eine Zeittafel in wörtlicher Bibelauslegung erschüttert. Darwin hat sein Hauptwerk. „On the Origin of Species“ am 24. November 1859 veröffentlicht.

Kreationisten, insbesondere in den Südstaaten der USA, berufen sich noch heute auf den Kalender von Ussher und leugnen die Evolutions-Theorie von Darwin. Im Jahre 1925 wurde der Lehrer John Thomas Scopes von einem Gericht in Dayton, Tennessee, zu 100 Dollar Bußgeld verurteilt, weil er an öffentlichen Schulen die Evolutions-Theorie gelehrt hatte. Tennessee hatte im selben Jahr ein Gesetz verabschiedet, das verbot, Theorien zu lehren, die der Bibel in Bezug auf die Entstehung der Menschheit widersprechen. Ende der 1920er Jahre wurde die Evolutions-Theorie an öffentlichen Schulen in mehr als 20 US-Bundesstaaten entweder zur Irrlehre abgestuft oder ganz verboten. Erst 1968 hat der oberste Bundesgerichtshof der Vereinigten Staaten das Anti-Evolutions-Gesetz von Arkansas aus dem Jahr 1928 für verfassungswidrig erklärt. Seither gibt es wieder eine deutliche Renaissance der Kreationisten. Im Jahre 2007 wurde das Kreationisten-Museum in Petersburg, Cincinnati, eröffnet. Es will die Schöpfungsgeschichte auf 5000 Quadratmeter „wissenschaftlich“ darstellen. Demnach haben Adam und Eva 4000 Jahren vor Christi Geburt gemeinsam und friedlich nebeneinander mit den Dinosauriern im Garten Eden gelebt.

Der jüdische Kalender unterscheidet sich in seinem Aufbau grundlegend vom Gregorianischen. Die jüdische Zeitrechnung beginnt mit der biblischen Schöpfung der Welt. Diese fand nach den von Patriarch Hille II. im Jahre 359 veröffentlichten Regeln zur Kalenderberechnung im Jahre 3761 v. Chr. statt. Diese Zählung anhand biblischer Chroniken setzte sich aber erst im 11. Jahrhundert durch.

Der traditionelle islamische Kalender, hidschri-qamari, zählt in Mondjahren. Das Jahr ist etwa 10 Tage kürzer als das Gregorianische Jahr. Die Zählung beginnt mit dem 1. Muharram, dem 16. Juli 622, dem Tag, an dem der Prophet Mohamed von Mekka kommend in Medina angekommen ist. Der moslemische Tag beginnt mit Sonnenuntergang.