6. Die Dritte Phase - 18. und 19. Jahrhundert

In Russland beginnt die Moderne, und damit die dritte Phase der Uhrmacher-Kunst, mit Peter I., Peter der Große (1662 bis 1725). Mit dem Baubeginn der Peter und Pauls-Festung am 17. Mai 1703 gründet er Sankt Petersburg und verlegt die Hauptstadt des Reiches von Moskau dort hin.

Peter I. förderte Wissenschaft und Technik. Er baute eine Marine auf und ließ sein Reich vermessen. Dafür brauchte er Chronometern und Präzisionsuhren bester Qualität, die vornehmlich aus England importiert wurden. Für den eigenen Bedarf richtete er offizielle Stellen für Uhrmacher in der St. Petersburger Akademie der Wissenschaft, in der Admiralität und in anderen staatlichen Einrichtungen ein.

6.2. Die neue Zeit

Nach der „Temporalen Stunde“ der Lazar-Uhr mit ihrem 12-Stunden-Zifferblatt und der Stundenzählung nach dem Prinzip der „Nürnberger Uhr“ bei der Halloway-Uhr mit dem „anzeigenden Kreis“ und seiner 17er Einteilung befahl Peter I. mit seiner Kalenderreform die bisherige Einteilung in Tag- und Nachtstunden durch „die in Deutschland übliche Einteilung in zwölf Stunden“ zu ersetzen.

„Die Uhr des Spasskij-Turms war zu dieser Zeit abgenutzt, eine Reparatur ließ Zar Peter aber nicht mehr durchführen. 1702 bestellte er für den Spasskij-Turm in Holland eine neue Turmuhr. Anfertigung des Uhrwerks, Transport und Einbau in den Turm dauerten mehrere Jahre. Am 9. Dezember 1706 um neun Uhr früh waren erstmals von der Uhr des Spasskij-Turms neun Schläge zu hören, und mittags um zwölf Uhr erklang ein Glockenspiel, ... Die Neuordnung des Tagesablaufes konnte sich in Russland erst in einem längeren Prozess durchsetzen ... Die Russisch-Orthodoxe-Kirche brauchte bis 1722, ehe durch entsprechende Verordnungen des Heiligsten Synod ihre Praktiken auf die neue Stundenregelung umgestellt wurden.“ (Hoffmann: Einführung, S. 191f)

6.3. Russische Akademie der Wissenschaft

Am 28. Januar 1724 wurde auf Wunsch des Zaren die „Russische Akademie der Wissenschaften“ gegründet.

Peter der Große hat viele europäische Wissenschaftler und Techniker an seine Akademie berufen. Einer der ersten und bedeutendsten war Johann Georg Leutmann. Der 1667 in Wittenberg, Sachsen, geborene Leutmann hatte in den Jahren 1718 sein Buch über die "Vollständige Nachricht von den Uhren …" und 1724 den Band: "Drey Sonderbare fast unentbehrliche Nothwendigkeiten in einer Stadt" veröffentlicht und damit die didaktische Grundlage für eine systematische Uhrmacherausbildung gelegt. Vom 25. April 1726 bis zu seinem Tode am 5. März 1736 war Leutmann Professor für Mechanik, Optik und Uhrentechnik an der Akademie der Wissenschaft in St. Petersburg. Er konstruierte verschiedene wissenschaftliche Instrument und baute Wand-, Tisch- und Taschenuhren.

Der wohl berühmteste Mann an der Akademie war Michail Wassiljewitsch Lomonossow (1711 bis 1765). Nach seinen Studienjahren in Deutschland (1736 – 1741) schrieb er in St. Petersburg seine Doktorarbeit und lehrte dort ab 1745 als Professor der Chemie. 1760 wurde er Direktor der Universität der St. Petersburger Akademie der Wissenschaft. Er wirkte maßgeblich am Aufbau der Moskauer Staatsuniversität (1755) mit, die auf Betreiben von Zarin Elisabeth gegründet und nach ihm benannt wurde.

Lomonossow gilt als Begründer der Russischen Wissenschaft. Von ihm und von der Akademie gingen viele Impulse aus, die auch für die Uhrmacherei in Russland von Bedeutung waren.

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6.4. Erste Ansätze industrieller Uhrenproduktion

Katharina II., die Große, (1729 – 1796, Zarin ab 1762) führt die Politik von Peter I. und Elisabeth fort und überträgt sie auf die Allgemeinbildung. Sie war mit Voltaire und Montesquieu befreundet und stand der Aufklärung nahe. Katharina gründete erste Volksschulen und Gymnasien in den Städten sowie Ingenieur-Fachschulen und Universitäten.

Mit der wachsenden Nachfrage nach Uhrmachern wurde 1773 eine spezielle Uhrmacher-Klasse an der 1757 gegründeten St. Petersburger Akademie der Künste eingerichtet, um Uhrmacher auszubilden. Lehrmeister waren u. a.: Peter Nordsteen, Christoph Wienberg und Alexeij Gladkoy. Diese Uhrmacher-Klasse gab es bis 1799.

Unter Katharina II. richtete sich das Interesse Russischer Uhrmacher - neben Tisch- und Wanduhren - zunehmend auf Konstruktion und Anfertigung von Taschenuhren. Es wurden die ersten Versuche unternommen, in Russland eine industrielle Uhrenproduktion aufzubauen.

„1764 arbeitete Mark Fazy auf Geheiß von Katharina II. an dem Aufbau einer Uhrenfabrik in der Nemetzkaja Sloboda. In Petersburg und Jekatharinenburg gründeten die Uhrmacher Iwan Poljanski und Egor Pawlowa kleine Uhrenfabriken.“ (Seide: Bd.1, S. 32)

Chenakal schreibt über die ersten Ansätze industrieller Uhrenproduktion in Russland:
„The first attempt to establish such a factory was made in 1774 in St. Petersburg by the clockmakers Bazilier and Sando, who recived a spezial subsidy from Catherine II for the purpose. However, no information as to the activities of this factory has survived and it appears to have closed down very soon.
A second attempt to cope with the problems of producing pocket watches on a factory scale was undertaken by the talented watchmaker Nordsteen who, in1784, set up a factory for pocket watches in Dubravno in Byelorussia with capital provided by Prince G. A. Potemkin-Tavrichesky. This factory later moved to Kupavna near Moscow and continued in existence until 1804.“ (Chenakal: Watchmakers, S. 8)

Seide ergänzt dazu, dass die Fabrik in Dubrawna bis zu 33 Uhrmacher beschäftigt hat und dass Katharina II. diese Fabrik 1795 gekauft und unter staatlicher Leitung in Kupavna weiter betrieben hat.

Über den letzten Versuch, in der von ihm untersuchten Zeitspanne (1400 bis 1850) eine Uhrenindustrie aufzubauen, schreibt Chenakal:
„After designing an original kind of table clock and perfecting techniques for ist production, in 1850 Florian set up a factory to produce his clock in St. Petersburg, ... this factory also did not last for long.“ (ibid, S. 8)

Ein weiterer Ansatz einer industriellen Uhrenproduktion in Russland geht auf das Jahr 1879 zurück. In der Deutschen Uhrmacher-Zeitung des Jahrganges 1879 findet sich unter der Überschrift: „Russische Uhrenfabrik“ ein kurzer Hinweis: „Am 1. Januar d. J. ist in St. Petersburg die erste Uhrenfabrik in Russland eröffnet worden. Alle Meister sind aus Genf und zwar aus den besten Meistern der dortigen Uhrenindustrie ausgewählt, während die Lehrlinge Russen sind. Die neue Fabrik soll, wie russische Blätter berichten, von der dortigen Regierung unterstützt werden.“ (DUZ, Jg 1879, S. 64)

Zwei Jahre später bringt die Deutsche Uhrmacher-Zeitung unter Berufung auf einen Bericht des "Deutschen Handels-Archiv" über Handel und Industrie in Russland folgende Notiz:

"Der Versuch, Uhren in Russland zu fabrizieren, ist missglückt. Die in St. Petersburg vor etwa 2 Jahren gegründete Fabrik hat nach kurzem Bestehen fallirt. Das ganze Reich ist daher für den Bedarf an Uhren auf das Ausland angewiesen. In Moskau sind die bedeutendsten Fabriken des Kontinents (Moser & Co. in Locle, Bovet & Fol in Genf u.s.w.) durch Filialen und Agenten vertreten. Ausserdem gibt es zahlreiche Uhrenhändler. Während Taschenuhren fast ausschliesslich aus der Schweiz hierhergelangen - das Amerikanische Fabrikat hat bisher keinen festen Fuss fassen können, - liefert Deutschland (Schwarzwald und Leipzig) die Wanduhren, Paris namentlich Stehuhren." (DUZ, 01. 09. 1881, S. 135)