Zeitung für Uhrmacher (1842 - 1844)


Erstmalig liegt hier eine Faksimile-Edition der frühesten Uhr­ma­cher-Fachzeit­schrift der Welt vor, die nur in 3 Heften erschien und extrem selten ist.

Kommentierte vollständige Ausgabe mit Fachbeiträgen und zeit­genössischen Berichten aus Deutschland und dem Ausland.

 

Digitaldruck, Hardcover, Fadenbindung, 184 S. mit 98 Kupferstichen, Format DIN A5. Preis 39,00 inkl. Versandkosten

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Die Zeitschrift ist Teil des langen Ent­wick­lungsprozesses, der bereits im 17. Jahrhundert einsetzte und ab Mitte des 19. Jahr­­hun­derts dann zu gewerbespezifischen Fachzeitschriften führte.

 Parallel mit der Gründung der naturwissenschaftlich orientierten  „Royal Society“ in London 1660 und der „Académie des Sciences“ 1666/1699 in Paris entstanden neuartige Periodika: die „Philosophical Trans­actions“ und das  „Journal des Savants“. Sie infor­mier­ten über neue Erkenntnisse im naturwissenschaftlichen Bereich. Ein weiterer Meilenstein war die von Diderot und d'Alembert ab 1751 herausgegebene "Encyclopédie“, in der das gesamte Wissen der damaligen Zeit in ca. 60.000 Ar­tikeln vereinigt wurde. Angeregt vom wirtschaftlichen Erfolg der französischen Enzy­klopädie gründete der Augsburger Johann Gottfried Dingler dann 1820 das „Polytechnische Journal“. Motivation von Dingler war das Bestreben, durch „Verbreitung polytech­nischer Kenntnisse vielfachen Nutzen zu stiften“ und die For­schungen und Werke des In- und Auslandes „zur Belehrung und zum praktischen Gebrauche für alle Stände wohlgeordnet zusammenstellen“.

 1842 war es dann schließlich soweit, dass der Leipziger Buchhändler Carl Gottlob Schmidt als Herausgeber das Wagnis einging, den deutschen Uhrmachern mit seiner „Zeitung für Uhrmacher“ ein eigenes Fachblatt vorzulegen. Als verantwortlicher Redakteur zeichnete  C. Schmaltz. Das im Vorwort zum 1. Heft  vorgestellte Ziel der Zeitschrift klingt überzeugend:  „Über alles das Neue zu berichten, was für die Uhrma­cher­kunst von Wichtigkeit ist. Alle neue Erfin­dungen, Verbes­serungen und Vervollkommnungen usw. die in Deutschland, England, Frankreich, der Schweiz, in Amerika oder sonstwo in der Fabrikation der Uhren gemacht worden sind, werden in derselben mitgeteilt. Es kann daher für jeden Uhrmacher, der mit der Zeit fortgehen will – und zurückblei­ben darf da jetzt Niemand mehr in seinem Geschäfte – gewiss nichts Wichtigeres und nicht Unentbehrlicheres geben, als diese Zeitung.“

 Als  zweites Ziel führt die Zeitschrift die Beob­achtung der Konkurrenz an: „Nichts ist jetzt mehr nötig, als unablässig das Auge auf die Erzeugnisse ... Anderer zu richten, die Dasselbe produzieren“. Schließlich wird noch der Praxis­nutzen der Zeitschrift ins Feld herausgestellt: „Unser Augen­merk wird vor allem darauf gerichtet sein, dass die Zeitung praktischen Wert bekommt“ mit dem Versprechen, „einen Schatz von Belehrungen, Anweisungen, Abhandlungen, Re­zepten, und beim Geschäftsbetrieb  zu machenden Vor­teilen und Ersparungen“ den Lesern an die Hand zu geben.

 Der Auftakt im ersten Heft hätte nicht besser gewählt werden können: Hier kommt Ferdinand Schade mit einem zugkräftigen Übersichtsartikel zu  Wort: „Über die Fortschritte, welche seit dem Anfange dieses Jahrhunderts bis zum Jahre 1840 in der Uhrmacherkunst gemacht worden sind“.  Auf 15 Seiten bringt er einen umfas­sen­den Überblick über damalige Neuerungen in der Groß- und Klein­uhren­tech­nik. Die behandelten Themen reichen von Ideen, die Zapfenreibung bei Taschen­uhren zu verringern über die damals heiß diskutierten Vorteile von Schräg­verzahnungen und Schraubeneingriffen, neue Schmiermittel, neue Hem­mun­gen, neuartige Kompensationspendel bis hin zu Verbesserun­gen an Turmuhren. Die Leis­tungen zahlreicher bekannter zeit­genössische Uhrma­cher werden aufge­führt, darunter Gutkaes, Breguet, Perrelet, Lepaute usw. Nach kritischen An­mer­kungen zur  „Handelsuhrmacherkunst“ folgen posi­tive Beispiele über er­zielte Erfolge zur Kostensenkung bei der Uhren­­her­stel­lung in Frankreich (d’Aliermont) und in Wien.

 Im Mittelpunkt des zweiten Hefts stehen auf 19 Seiten die „Kurzen Notizen zur Kenntniß deutscher Uhrmacher und ihrer Leistungen“, ein Artikel, den der Redakteur Schmaltz offen­sichtlich selbst verfasst hat. Er reist und berichtet über säch­sische und bayerische Uhrmacher, die er in verschiedenen großen Städten besucht hat. In seinem Be­richt über Nürnberg wird eine blumige Geschichte zu Peter Henlein eingeschoben. Das Urteil über die Nürnberger Uhrmacher fällt nicht schmeichelhaft aus, bestärkt durch den Eindruck, den  Schmaltz beim Besuch der Nürnberger Gewerbeaus­stel­llung 1840 gewonnen hatte. Der Reisebericht vermittelt mit bemerkenswer­ter Offenheit des Schreibers ein lebendiges Bild der Situation selbständiger Uhrmacher im damaligen Deutsch­land.

 Das dritte Heft ist fast vollständig dem Pariser Uhrmacher Johann (Jean) Wagner gewidmet. Vier unterschiedliche Turm­uhren mit neuartigen Konstruktionen werden anhand zahl­reicher Kupferstiche ausführlich beschrie­ben. Dazu gehören auch ein neues Kompensationspendel,  ein „Regu­lator“ als Zwischenaufzug für einen gleichmäßigen Antrieb sowie ein „Ergänzungspatent“ von 1837 für eine neuartige  Wächterkontrolluhr.

 Neben den großen Abhandlungen bringt die Zeitschrift viele kürzere Aufsätze, die als praktische Anregungen für die Leser­schaft gedacht sind. Das reicht von der neuartigen Schrauben­kopfpoliermaschine über eine Maschine zur Kettenfertigung, einen französischen Schraubenzieher, eine vorteilhafte Bohr­maschine oder einer Vorrichtung, um 6 Räder gleichzeitig zu schneiden bis zur Verlängerung der Laufzeit eines Chrono­meters. Aber auch Abhandlungen z.B. über elektro-magne­ti­sche Uhren, autodynamische Uhren oder nützliche Patente gehören hierzu. Noch kürzer gefasst sind die „Miscellen“, kleine Notizen mit aktuellen Informationen. Diese Beiträge wurden ausnahmslos von anderen deutschsprachigen Publika­tionen übernommen wie der  Deutschen Handelszeitung, dem  Schweizerischen Gewerbeblatt usw. Erwähnt werden müssen auch die  historisch interessanten Beiträge über die Gewerbe­ausstellungen, die in Deutschland ab 1825 aufkamen. Aufge­führt werden die ausgestellten Uhren und deren Hersteller für die Nürnberger Industrieausstellung 1840, die 2. Hannoversche Gewerbe-Ausstellung 1836, die sächsische Gewerbe-Aus­stel­lung 1837 sowie die zweite allgemeine Industrie- und Gewer­be­aus­stellung in Wien 1839.

 Das erste Heft der kleinformatigen „Zeitung für Uhrmacher“ (Satzgröße 13,5 x 8,5 cm)  war offensichtlich als kostenloses Probeheft konzipiert, denn erst am Ende findet sich die Auf­forderung zum Abonnement, „damit baldigst bestimmt werden kann, wie viele Exemplare im Ganzen zu drucken sind“. Im 2. Heft wird dann auch der Preis von 6 Groschen für jedes der zwei pro Jahr geplanten Exemplare genannt. Ab dem 3. Heft verant­wortete schließlich C. Schmaltz gesamthaft die Redaktion, die Herausgabe und den Vertrieb der Zeitschrift. Die Beiträge aller drei Hefte werden durch insgesamt 98 fein­gestochene Abbildungen auf separaten Tafeln illustriert. Das dritte, 1844 erschienene Heft der Zeitschrift zeigt dann bereits Ermüdungserscheinungen. Die versprochene Fortsetzung kam nicht zustande und damit scheiterte  der weltweit erste Versuch einer Uhrmacher-Zeitschrift  bereits nach 3 Heften. Was waren die Gründe?

 Sowohl Zeitpunkt, als auch Grundkonzept für diese Zeitschrift schienen perfekt gewählt. Denn Deutschland hatte in den ersten 40 Jahren des 19. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Uhrma­cher­ei wenig Neues zu bieten und speziell die Auswertung von Zeit­schriften im Hinblick auf Erfindungen und Patente auf dem Gebiet der Uhrmacherei war ein sinnvoller Gedanke. Die neue Uhrmacher-Zeitschrift ermöglichte damit einen kostengüns­tigen, bequemen und effizienten Einblick in die im In- und Ausland laufenden Entwicklungen und Fortschritte. Aber für wen? Das Blatt zielte auf ein breites Publi­kum und suchte die Verbindung von technischer Wissenschaft und bürgerlichen Lesern. Ihr Scheitern zeigt, dass sich die Kombination beider Zielgruppen 1840 in Deutschland nicht verwirklichen ließ. Der Uhrenbau befand sich in einem umfassenden Strukturwandel: Kleinuhren in Deutschland kamen praktisch nicht mehr von selbständigen Uhrmachern, sondern aus französischen, Schweizer oder englischen Fabriken oder Manufakturen. Der örtliche Uhrmacher durchlebte den Abstieg vom Verfertiger einer Uhr zum bloßen Reparateur, worunter auch die Aus­bildung zukünftiger Uhrmacher litt. Pfusch in der Kleinuhr­macherei war verbreitet und die Aufgeschlossenheit, Fort­schritte in Theorie und Wissenschaft in der Praxis umzusetzen, wenig ausgeprägt. Als breites Zielpublikum für eine an­spruchsvolle neue Zeitschrift war damit der Durchschnitts­uhrmacher zu dieser Zeit überfordert bzw. in seinem Beruf mit ganz anderen Sorgen des Überlebens konfrontiert. Die Fach­beiträge der neuen Zeitschrift fanden damit zu wenig interes­sierte Adressaten. Ein weiterer Grund für das Scheitern dürfte das Fehlen jeglicher kommerzieller Werbung gewesen sein, eine Einnahmequelle, die 40 Jahre später von Beginn an eine wesentliche  finanzielle Stütze z.B. für das „Allgemeine Journal der Uhrmacherkunst“ oder die „Deutsche Uhrmacher-Zeitung“ bildete.

 Einen dauerhaften Erfolg hatten Uhrmacherzeitschriften erst dann, als sie nicht mehr von unabhängigen Verlegern heraus­gegeben wurden, sondern von Uhrmacherverbänden. Dies beweist am besten das „Horological Journal“, seit 1858 das offi­zielle Organ der in diesem Jahr gegründeten Uhr­macherver­ei­ni­gung oder die „Revue Chronometrique“, die ab 1856 das gemeinsame Sprachrohr  der französischen „Societé des Horlogers“ wurde. Im Jahr 1876 gelang dann schließlich auch dem „Allgemeinen Journal der Uhrmacher­kunst“ und der „Deutschen Uhr­macher-Zeitung“ der nachhal­tige Durchbruch, ebenfalls in Verbindung mit der Gründung eines Interessenverbands.

 Die „Zeitung für Uhrmacher“ ist heute extrem selten zu finden und wenn, dann nur in Teilen. Sie ist ein authentisches Spiegelbild der damaligen Zeit und deshalb ein kostbares historisches Zeugnis.  Aus diesem Grund hat sich die Bibliothek der DGC entschlossen, die Zeitung komplett mit allen verfügbaren Tafeln als hochwertiges Faksi­mile in kleiner Auflage herauszugeben. Eine einmalige Chance für alle an der Uhrengeschichte Interessierte, sich mit dieser Faksimile-Edition in hochwertiger Ausstattung die ersten Gehversuche einer Fachzeitschrift zu sichern.

 Dr. Bernhard Huber